Entwicklung der Nachtjagd
Phase 1: Mondlicht, Horcher und Scheinwerfer ca. 1917 – 1942
Der erste Nachtjagdabschuss wurde am 11.2.1917 von den Leutnanten Peters und Frohwein erzielt, als sie mit ihrer DFW CV zwei feindliche Bomber bei deren Landung auf dem Platz Malzeville abschossen. Zum ersten Erfolg bei einer systematischen Zusammenarbeit der Jäger mit Flugmeldedienst, Falk und Scheinwerfern kam es erst in der Nacht vom 22. Auf den 23. Mai 1918, als Lt. Thiede drei Feindflugzeuge abschoss.
Diese ersten Erfolge mit dieser kombinierten Nachtjagd gerieten nach dem Krieg in Vergessenheit. Erst Mitte der 30er Jahre wurden in Deutschland wieder Versuche gemacht, aber nicht weiter verfolgt. Die ersten Erfolge im 2. Weltkrieg gegen einfliegende englische Bomber im April 1940 waren dann Einsätze im Dämmerlicht; also keine Nachteinsätze.
Erst am 22. Juni 1940 erhielt Hptm. Wolfgang Falck den Auftrag zum Aufbau einer eigentlichen Nachtjagd in Deutschland, nachdem englische Nachtangriffe auf deutsche Städte zugenommen hatten.
Nach einigen Versuchen wurde die „helle Nachtjagd“ Phase 1 als Verfahren entwickelt, bei welchem Scheinwerfergürtel die einfliegenden Bomber zu erfassen suchten und so den Nachtjägern eine Zielerfassung ermöglichten (siehe Grafiktafel). Am 20. Juli 1940 erzielte Oblt. Streib den ersten Abschuss. Dieses Verfahren, das noch ganz ohne Bodenführung auskommen musste, funktionierte aber nur bei weit auseinandergezogenen Einzeleinflügen. Zudem war bei einer 5/10-Bewölkung keine Erfassung durch Scheinwerfer mehr möglich, was also ein anderes Verfahren notwendig machte.
Funkmessverfahren hiess die Lösung.
Die ersten Funkmessgeräte in Deutschland entstanden aus einer Forderung der Marine, die forderte, dass ein Fahrzeug auf einige tausend Meter für den gezielten Torpedoschuss lokalisierbar sein müsse. Man stellte in den Versuchen mit elektromagnetischen Wellen mit einer Wellenlänge von 1,8 m fest, dass zwar keine Seeziele zu erkennen waren, wohl aber ein zufällig durchfliegendes Flugzeug. Daraus entstand das Gerät „Freya“. Telefunken entwickelte das System „Würzburg“ als Nah-Flugmeldegerät.
In der Folge entstand das Verfahren „helle Nachtjagd“ Phase 2, bei dem statt den Horchposten die Freya-Geräte die Früherkennung eines Einfluges übernahmen und die Nachtjäger so bereits vor die helle Zone in die Nähe der einfliegenden Flugzeuge führte (siehe Grafiktafel). Eine Verbesserung stellte die Freya-A.N.-Peilung dar: Die Empfangsantenne war in zwei Hälfen geteilt, die eine Antennenumschalter 75 mal in der Sekunden umschaltete. Damit war neben der Entfernung auch die Richtung des Zieles und die Abweichung des verfolgenden Jägers erkennbar (siehe Grafiktafel).
Phase 2: Kombiniert mit Bordhilfen und Bodenführung
ca. 1942 – 1943
Wenn bei der Nachtjagd Erfolge erzielt werden sollen, dann muss der Nachtjäger in die Lage versetzt werden, nach einer Heranführung an die einfliegenden Flugzeuge diese auch zu sehen, was in der Anfangsphase nur durch Licht (Scheinwerfer oder Mond) möglich war. Diese „Beleuchtung“ war aber nicht immer gegeben. Also musste man andere Möglichkeiten finden.
Ein Möglichkeit waren Nachtsichtgeräte, die mit Infrarot arbeiteten. Versuche mit dem „Spanner-Sichtgerät waren aber nicht gerade erfolgreich (siehe Phototafel). Lediglich bei der Fernnachtjagd, welche die heimkehrenden Flugzeuge in England bei deren Landung angriffen, waren diese Geräte unverzichtbar, weil die Bordfunkmessgeräte in Bodennähe keine Ziele erfassen konnten.
Der Kommandeur der Nachtjagddivision, Oberst Josef Kammhuber, hatte bereits im Herbst 1940 ein elektronisches Bordsuchgerät gefordert. Göring, dem die ganze Entwicklung der Nachtjagd nicht passte –zu gross, zu aufwändig, zu starre Einsatzführung-, fand diese Forderung vollends übertrieben. „Ein Jäger ist kein Kintopp“ –damit war für ihn die Sache abgetan. Das hinderte die Verantwortlichen im technischen Amt des Reichsluftfahrtministeriums aber nicht daran, die Sache weiter zu verfolgen. So wurde das FuG 202 Lichtenstein B/C entwickelt, das zwar durchaus befriedigend arbeitete, aber einen Nachteil hatte, an dem alle bis Kriegsende in Deutschland in Grossserie hergestellten Bordfunkmessgeräte litten: Die aussenliegenden „Drahtverhaue“ der Antennen verringerten die Spitzengeschwindigkeit der Bf 110 um gut 40 km/h! Major Helm, der in Rechlin und später bei der Erprobungsstelle für Funkmessgeräte in Werneuchen das Truppenversuchskommando führte, erkundigte sich daher auch in aller Harmlosigkeit, ob man die Antennen nicht in den Rumpf einbeziehen oder strömungsgünstig verkleiden könne. Das war nun mit den Dezimetergeräten nicht möglich; mit Zentimetergeräten wäre es gegangen, aber deren Erprobung war 1941 auf Hitlers Weisung, während des Krieges keine Neuentwicklungen mehr zu beginnen, erneut eingestellt worden!
Mit diesen Bordfunkmessgeräten stiegen die Erfolge, so dass man die bisher zur Beleuchtung benutzten Scheinwerfer-Einheiten für die Flak rund um die Grossstädte abzog. Die Bodenfunkmessgeräte blieben aber vor Ort und wurden anders genutzt: Ein Würzburg-Riese jeder Stellung diente zur Feinderkennung; der andere peilte den Jäger an und beide Flugbewegungen wurden auf den Seeburg-Auswertetisch übertragen. Nach den darauf erscheinenden Anzeigen führte der Jägerleitoffizier den Jäger an den Gegner heran. Das war das sogenannte „Himmelbett-Verfahren“.
Phase 3: Freie Nachtjagd und Bordradar im cm-Bereich
ca. 1943 – 195x
In der Nacht zum 25. Juli 1943 griff die RAF mit einem Grossverband an. Bis über die Deutsche Bucht konnte der Verband von deutschen Fernsuchgeräten verfolgt werden. Sowie der Verband bei der Elbmündung in den Bereich der Würzburg-Riesen geriet, verschwand er hinter einem Vorhang von Zielzacken: Die Briten hatten zum ersten Mal das Störmittel „Window“, auch bekannt als Düppel, eingesetzt. Es wurden 92 Millionen Aluminiumfolienstreifen abgeworfen, deren Länge der halben Wellenlänge der Würzburg, Würzburg-Riesen und Lichtenstein-Geräte entsprach. Damit waren alle Feuerleit- und Flugmeldegeräte ausgefallen, durch Sender waren die Freya gestört, womit die Himmelbett-Führung unmöglich wurde. Daraufhin erhielten die Nachtjägerbesatzungen die Erlaubnis, im Raum Hamburg auf eigene Faust den Bomberstrom zu suchen. Auch wenn die Nachtjäger selber blind bleiben, weil die Düppel nur langsam herunterfielen, war das die erste freie Nachtjagd mit Bordsuchgeräten.
Da keine kurzfristige Änderung auf technischer Seite möglich war, musste man die Taktik ändern. Einzelne Flugzeuge waren hinter den Düppeln zwar nicht auszumachen, aber die Wolke zeigte genau, wo der Verband flog. Also musste man nur genügend Jäger dorthin beordern, die dann einzelne Ziele auf eigene Faust suchten. Diese ungeführte Nachtjagd erhielt den offiziellen Decknamen „Wilde Sau“. Ein ebenfalls zu dieser Zeit entwickeltes Verfahren, war die „Zahme Sau“, bei dem einzelne Jäger mit nicht gestörten SN-2 Bordmessfunkgeräten in den Bomberstrom einflogen und dann Peilzeichen sendeten, die weitere Nachtjäger anzogen.
Der Nachtluftkrieg über Deutschland hatte sich also 1943 zu einem Krieg der Hochfrequenzwissenschaftler ausgewachsen. Die Engländer hatten einen Vorsprung erarbeitet, der von den Deutschen aber 1944 wieder aufgeholt wurde, aber der deutsche Hang zum Perfektionismus führte wieder zu Verzögerungen des Serienanlaufs verschiedener neuer Anwendungen. Eine der wenigen Neuentwicklungen war das FuG 217 „Neptun J“, das aus den Rückwärtswarngeräten FuG 216 entstanden war. Weil auf einer einzigen Bildröhre Entfernung, Seiten- und Höhenlage abgelesen werden konnte, war das Gerät für einmotorige Jäger geeignet und im Herbst 1943 wurden fünf Fw 190 des JG 2 in Frankreich damit ausgerüstet – die Luftwaffe hatte so die ersten echten Allwetterjäger der Welt!
Schliesslich begann man sich in Deutschland doch auf erfolgversprechende Entwicklungen zu beschränken und nicht mehr alles Mögliche zu probieren. Die letzte Entwicklung in Deutschland war dann das FuG 240 „Berlin N1a“, das erste Zentimetergerät aus deutscher Fertigung.
Auf alliierter Seite war das Zentimeter-Radar (RAdio Detecting And Ranging) schon länger Standard, weil man die Nachteile der aussen liegenden Antennen eliminieren wollte. Damit waren diese Flugzeuge nicht mehr aerodynamisch verunstaltet, aber bei einmotorigen Jagdflugzeugen musste die Schüsselantenne mit ihrer Verkleidung am Flügel angebaut werden, da der Stirnpropeller keine andere Wahl liess.
Erst bei Düsenjägern änderte sich dies, weil in der Nase kein Propeller mehr störte und ein Lufteinlauf auch auf die Seiten verlegt werden konnte. Dazu kam es aber im Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Me 262 B1 flog immer noch mit dem Hirschgeweih. Für das FuG 240 reichte es nicht mehr.
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